Stockholm ist immer eine Reise wert

Von Västerås nach Stockholm - Dienstag 9. - Mittwoch 15. Juni 2022

Heute erwarten wir Marlies und Jürg Egli als Verstärkung unserer Crew. Mit zwei Stunden Verspätung landen sie in Schweden. In der Hitze des Gefechtes besteigen sie kurz vor der Abfahrt den falschen Bus und landen in Upsalla. Unfälle oder Staus verhindern für zwei Stunden die Weiterfahrt. Wir holen die Beiden für den Transport der schweren Reisetaschen mit dem Sackrolli am Bahnhof ab. Statt um 18 Uhr treffen sie erst um 21 Uhr ein. Wir geniessen ein gemütliches Nachtessen an Bord von Odin.

Västerås will uns nicht ziehen lassen

Am nächsten Morgen spazieren wir durch den alten Hafen am neuen Wohnquartier vorbei durch den Park in die Innenstadt. Nach Curry beim Inder erkunden wir Kyrk Backen, den ältesten Teil der Stadt. Die farbefrohen Holzhäuser sind teilweise 200 Jahre alt. Die engen Gassen sind malerisch. In den verstecken Innehöfen sind gemütliche Plätze mit viel Grün eingerichtet.

Auf dem Rückweg zum Kanal besuchen wir den grossen Dom. Schlichte Backsteinwände und Säulen, teilweise verputzt ohne Schnörkel, so präsentiert sich der Innenraum. Einige Grabplatten und Ikonen sind Zeugen von längst vergangenen Zeiten.

Auf dem Rückweg zur Marina kaufen wir im Coop einige glutenfreie Produkte. Im System Bollaget ergänzen wir unseren Schnapsvorrat mit feinem Whisky. Früh zurück machen wir uns an Unterhaltsarbeiten. Das Besan Fall muss ausgewechselt werden. Die alte und die neue Leine werden zusammengenäht und hochgezogen. Danach verbringe ich Stunden mit dem Anfertigen eines kleinen Augspleisses, welcher in der Rollvorrichtung Platz findet. Bis zum Schlummi um 22:00 Uhr hieven wir gemeinsam das Segel. Mit einem Ruck ist das Fall gespannt und die Reffvorrichtung rollt ohne Widerstand ein und aus.

Am Donnerstag beim Auslaufen röhrt unser Motor in ungewohnter Tonlage. Das Kühlwasser findet den Weg nur mit Unterbrüchen. Schliesslich verkündet weiss-blauer Rauch eine Notlage. Motor aus, Genua setzen und zurück zum Hafen. Bereits verstaute Fender und Leinen wieder hervor und ohne Motor mit gereffter Genua in den alten Hafen. Längs an der Aussenmole legen wir an.

Wie weiter? Im Internet suchen wir eine Volvo Penta Vertretung. Pier 28 bietet sich an. Nachdem niemand unseren Anruf entgegen nimmt besuchen wir die Werft nach 10 Minuten Fussmarsch.

‚Leider haben wir keine Zeit. Frühestens nächste Woche’, meint der Patron. Da müssten wir in Stockholm sein… Ein Mitarbeiter könnte nach Feierabend vorbei kommen und den Motor durchchecken… So machen wir das. Nach 17:00 Uhr kommt Andreas vorbei und kontrolliert den Impeller, die Leitungen und den Wasserausstoss. In kurzer Zeit finden wir den Übeltäter. Der Deckel des Wasserfilters ist nicht ganz dicht und zieht Luft. Deshalb kann kein Wasser für die Kühlung angesogen werden.

Schulabschluss in Schweden

Jahr für Jahr, spätestens eine Woche vor midsommar, findet für viele junge Menschen das wichtigste Ereignis ihres Lebens statt. Sie werden aus der Schule in einen neuen Lebensabschnitt entlassen. Natürlich wird dieser wichtige Schritt von den jungen Leuten gebührend und leidenschaftlich gefeiert. Traditionell hängen sich die Abiturienten viele kleine Geschenkanhänger um den Hals. Alle Klassen erhalten etwa 1 Woche vor ihrem endgültig letzten Schultag ihren „studentuppdrag“: Ein Wettbewerb, bei dem die Klassen zahlreiche mehr oder weniger verrückte Aufgaben lösen müssen. Zum Beispiel eine Dose „surströmming“ in weniger als 1 Minute essen! Mit Schnorchel und Taucherflossen eine Wildwasserbahn herunterfahren. Oder 300 Kronen der Kinderschutz-Organisation „Rädda Barnen“ spenden.

Das Ergebnis entscheidet, in welcher Reihenfolge die Abiturienten am letzten Tag aus dem Schulgebäude rennen dürfen. Am Tag vor dem großen Tag wird der „studentflak“ (ein LKW mit offener Ladefläche oder Anhänger) mit Birken und Spruchbannern geschmückt. Dazu wird Muttis altes Laken mit meist nicht ganz jugendfreien bis obszönen Sprüchen beschrieben und bemalt und jeder Schüler verewigt sich mit seinem Namen. Deshalb ist heute in der Innenstadt der Teufel los.

Spät Abends machen wir uns auf den Weg in die Bucht von Tidö. Ein wunderschöner lauer Sommerabend mit viel Sonne begleitet uns.

Die ‚Töffsammlung‘ und das Slot (Schloss) von Tidö

Am Freitag vor der Weiterfahrt besichtigen wir das Tidö Slot und das Motorcykel Museum. Auf der kurzen Wanderung durch Wiesen und Wald sichten wir ein ganzes Rudel Rotwild am Waldrand.

Unzählige Zweiräder mit und ohne Motor aus den Gründerjahren bis heute sind auf zwei Stockwerken ausgestellt. Eine vollzählige Husquarna Sammlung steht neben allen gängigen andern Fabrikaten wie Moto Guzzi, Harley, BMW, Honda, usw. Sogar ein langbeiniger Easyrider steht dabei. Sehr beindruckend sind die Eismaschinen mit langen Nägeln, Stehermaschinen oder ein spezieller Design von Stark.

Nach der Verpflegung an Bord schlängeln wir unter Motor zwischen den Schären hindurch nach Süden. Ohne Wind sind wir die ganze Strecke bis Strängnäs unterwegs. Das Himmel verschont uns vor Regen. Hinter und vor uns ziehen schwarze Fronten durch.

Die Einfahrt zum Hafen wird dramatisch von der Sonne beleuchten. Die farbigen Häuser mit Windmühle und Dom glänzen vor den dunkeln Wolken. Das Anlegen mit dem Heck und der Heckboje klappt im ersten Anlauf. Wir liegen gut und können beruhigt den Stadtbummel antreten.

Brückenöffnungszeiten kann man auch verpassen

Die Schwenkbrücke nach Süden öffnet am Samstag pünktlich. Wir können passieren und setzen gleich die Segel. Lautlos gleiten wir durch den Segerö Fjärden. Die zweite Brückenöffnung bei Stallarholms verpassen wir und warten 50 Minuten auf die nächste Öffnung. Nach der engen Durchfahrt von Kolsundet setzen wir wieder die Segel bis beim Abzweiger nach Mariefred. Kurz nach Mittag legen wir uns in Mariefred an die Heckboje. Während Marlies und Jürg das Schloss Gripsholm besichtigen, wird von uns der Heckhacken an der Boje umplatziert. Er ist quer in der Bojenstange verkeilt und wird vom Zug der Festmacherleine verbogen.

Raumschott segeln wir nach Stockholm

Sonntagswetter. Das Ablagemanöver gelingt trotz verbogenem Hacken. Die ausgebrachten Hilfsleinen werden nicht benötigt. Schloss Gripsholm und die Skyline von Mariefred leuchten in der Sonne. Kurz nach der Hafenausfahrt setzen wir die Genua und gleiten mit 6-7 Knoten durch die Schären der Viken. Zur Mittagszeit erreichen wir Gunnviksviken, eine rundum geschlossene Bucht. Vor Anker auf drei Meter Wassertiefe schwoien wir in den Böen.

Draussen weht der Wind mit 4-5 BF. Die Böen reissen an der Kette. Mit der doppelt gefederten Leine wird die Kraft aufgefangen. So liegen wir die ganze Nacht gut vor Anker. Am Morgen wieder optimaler Westwind, welcher uns Raumschot nach Björkö schiebt. Das liegen am Steg bei Birka ist etwas unruhig. Marlies und Jürg können trotzdem die Wikingersiedlung und den Aussichtspunkt beim Kreuz besuchen.

Am Nachmittag segeln wir mit Rückenwind nach Osten. Im engen Kyrkfjärden segeln wir platt vor dem Wind. Die Genua fällt zusammen, bläht sich wieder auf, wechselt auf die andere Bugseite. Wir müssen das Segel einrollen und trotz gutem Wind mit dem Motor weiter fahren. Der Wind wechselt nach jeder Kurve die Richtung.

Es folgt ein kleiner Abstecher zu Drottningholm („Königininsel“). Das Schloss war ursprünglich ein königliches Lustschloss auf der Insel Lovön im Mälaren in der Gemeinde Ekerö. Es ist heute neben seiner musealen Nutzung zugleich privater Wohnsitz der schwedischen Königsfamilie Bernadotte. Seit 1982 leben hier König Carl XVI. Gustaf und Königin Silvia im Südflügel des Gebäudes, wo sie 22 Zimmer bewohnen. Insgesamt hat das Anwesen 220 Zimmer und wurde nach dem Vorbild französischer Schlösser im Barockstil gebaut. Deshalb wird Schloss Drottningholm auch als „schwedisches Versailles“ bezeichnet.

Der Hauptmast von Odin ist wieder zu hoch

Bei der Lilieholmsbro warten wir 80 Minuten bis die Durchfahrt geöffnet wird. Die Höhe unter der geschlossnen Brücke ist 14.70 m. Unser Hauptmast mit Antenne ist wieder einmal 50 cm zu hoch. Die Schleuse öffnet zum richtigen Zeitpunkt. Beim Anlegen kämpfen wir mit dem Seitenwind und dem Radeffekt der Schraube. Auch die zweite Brücke von Hammarby wird pünktlich geöffnet. Bei der Danviksbron, der Ältesten der drei Brücken warten wir nur kurz und sind danach wieder in der Ostsee im Hafenbecken von Stockholm. Für die letzten vier Meilen bis zum Wasahafen benötigen wir drei Stunden. Weil die meisten Restaurants um 20:00 Uhr schliessen, kocht uns Vreni feine Lammfilets mit grüner Pfeffer Sauce.

Am Dienstag verlassen uns Marlies und Jürg. Es war eine schöne Zeit mit ihnen. Kurz vor zwölf bringt sie ein Taxi zum Flughafen Arlanda. Vreni hat am Nachmittag vier Waschmaschinen und Tumbler reserviert. Bis zum Abend ist alles wieder Blitz Blank. In der Zwischenzeit baue ich den neuen Wechselrichter ein. Die Kabel führen um alle Ecken von der Sicherung bis zum Endgerät. Das Delux Modell zeigt sogar die Restspannung der Batterie an.

Im Morgengrauen um 03:30 ist keine Welle mehr zu spüren. Das Wasser im Hafenbecken von Stockholm liegt ruhig. Die Skyline spiegelt im Wasser.

Im Morgengrauen um 03:30 ist keine Welle mehr zu spüren. Das Wasser im Hafenbecken von Stockholm liegt ruhig. Die Skyline spiegelt im Wasser. Kurz vor dem Mittag machen wir uns auf den Weg zur kleinen Stadtwanderung. Das Boot zur Hafenbrücke fällt aus. Wir steigen um aufs Tram. In der Saluhalle geniessen wir ein feines Tatar mit Tunfisk und Angusbif. Die vielen Angebote in der Halle plündern unsere Geldbörse. Feiner Käse, Parmaschinken und Pralinen wechseln den Besitzer. Beim System Bolaget wird unser Apero Vorrat aufgefüllt. Bei Glas Ohlsen erwerben wir einige Kleinigkeiten wie Schrauben, Batterien, Mottenblätter usw. Mit schweren Rücksäcken kehren wir zurück auf Odin.

Am Abend folgt ein ausserordentliches Menu. Raclette auf dem Kerzenrechaud. Die wilden Bahnen im Diursgården (Vergnügungspark) stehen still. Das Kreischen der Gäste ist verstummt.

Kommentare: 2
  • #2

    Susanne und Florian (Sonntag, 19 Juni 2022 20:49)

    Liebe Vreni, lieber Peter,
    es ist ein großes Vergnügen, eurem Blog zu folgen und dabei wieder in die Schärenlandschaft der schwedischen Ostküste einzutauchen. Und ein bisschen wehmütig sind wir auch, weil wir es diesen Sommer mit unserem Vreneli nicht so weit nach Norden schaffen werden.
    Umso mehr freuen wir uns auf eure nächsten Reiseberichte und wünschen euch mit eurem ODIN allzeit gute Fahrt und jetzt erst einmal einen richtig schönen Midsommer!
    Es grüßen euch herzlich aus Tübingen Susanne und Florian

  • #1

    Graziella Schneider (Donnerstag, 16 Juni 2022 15:10)

    Ahoi ihr Lieben
    Vielen Dank für den interessanten Bericht und die wunderschönen Fotos. Ich bin in Gedanken mit euch unterwegs und einige Erinnerungen aus unserer Reise mit euch tauchen vor meinen Augen immer gerne wieder auf. Liebe Grüsse und macht's weiterhin gut.
    Graziella (auch von Housi)