Die letzten Meilen bis Turku

Von Reposaari nach Turku - Donnerstag 18. bis Sonntag 28. August 2022

Batterie Alarm

Um 06:30 Uhr am Donnerstag früh pfeift der Batteriealarm. Eine Entladung der Verbraucherbatterien von gestern 180 Ah auf heute 40 Ah wird angezeigt. Die volle Kapazität von 220 Ah sollte eigentlich, bei einem täglichen Verbrauch von 30-40 Ah, für 4 - 5 Tage ohne Sonnenenergie reichen. Was ist geschehen? Sind die Batterien wieder am Ende der Lebensdauer?

Alle Verbraucher werden ausgeschaltet. Ein kurzes Frühstück mit Eieromlette und Lachs. Schon um 07:40 werfen wir die Leinen los und laufen aus. Es ist immer noch 20º, weshalb die Sicht auf 1-2 Meilen reduziert ist. Die feuchte Luft bildet einen Hochnebel. Es ist diesig. Wir schleichen aus dem Hafen an den Industriegebäuden vorbei. Das Festland taucht im Nebel ab.

Langsam werden die Verbraucherbatterien geladen. Bei 80 Ah fällt die Ladekurve ab. Die Rückmeldung der Batterie lautet: Ich bin fast voll. Wo sind die restlichen 140 Ah? Es lässt uns keine Ruhe. War Pumukl wieder am Werk? Nach Überprüfung der Batterie Einstellungen und verändern der Ladekapazität wird plötzlich die volle Ladung von 215 Ah angezeigt. War alles nur ein Spuk?

 

Der Volvo Penta schnurrt vor sich hin und schiebt uns durch das Wasser nach Süden. Ohne Wind und Welle. In den letzten zwei Stunden vor unserem Ziel frischt es auf. Unter Vollzeug schneiden wir die kleinen Wellen. Dann taucht der Lotsenturm von Rauma aus dem Nebel auf. Im kleinen Hafenbecken von Kylmäpihlaya legen wir uns längs an die Quaimauer. Der Himmel öffnet sich. Die Sonne lacht. Wir befinden uns auf einer kleinen Insel mitten in der Bothnia.

Der Lotsenhafen im Dickicht

Wir bleiben die nächsten Tage im kleinen Hafen der Lotsenstation liegen. Die morgendliche Wärme am Freitag nutzen wir für einen Rundgang auf dem flachen Eiland. Undurchdringliches Dickicht verhindert ein vorankommen im südlichen Teil, während im Norden von den Stürmen alles blank gefegt ist. Zaghaft wachsen kleine Blühten in den Steinmulden. Die Farbenpracht wird sofort von Brummern und Schmetterlingen besucht. Auch die Schwalben sind fleissig und halten die Mückenplage im Zaun. Der Aufstieg auf die Plattform zum 9.Stock des Hotel ‚light house‘ wird mit einer Rundsicht bis in die Ferne belohnt.

Nach einer kurzen Regenfront folgt wieder der blaue Himmel. Wir sitzen mit dem schwedischen Segelpaar in der Kuchenbude beim Apero. Zwischendurch kann es auch mal aus dem blauen Himmel mit Sonne eine kleine Regenschauer geben. Der Sundowner an der Steinküste ist wie immer famos. In allen gelb und rot tönen leuchten die Wolken, glitzert das Wasser. Um 21:20 versinkt die Sonne am diesigen Horizont in der Bothnia.

Angesagt sind für Samstag 5-6 BF. Gemessen wurden 7-9 BF. Der Schwell mit grossen Wellen erreicht auch das Hafenbecken. Unser Platz um die Ecke ist optimal geschützt. Trotzdem legen wir neue Leinen mit Gummidämpfer.

Nach Ausräumen der Backskiste finden wir auch den Verursacher des morgendlichen Bilgenalarms. Das Überdruck Sicherheitsventil des Boiler ist nicht mehr dicht und spuckt alle paar Minuten einen Gutsch Wasser in die Motorenbilge. Die automatische Bilgenpumpe speit das Wasser regelmässig ins Meer zurück.

Der Belastungstest von den Verbraucherbatterien hat gezeigt, dass erste Batterie am Ende der Lebensdauer angelangt ist und die zweite nur noch 24% Leistung erbringt. Nach nur zwei Jahren müssen wir die wohl ersetzen. Die Starterbatterie, welche wir letztes Jahr ersetzt haben bringt auch nur noch 68%. Es ist dringend, dass wir das Lademanagement des Alternators anpassen um die Lebensdauer der Batterien zu erhöhen.

Am Abend geniessen wir ein feines Nachtessen im Lotsenhaus.Der Wind hat etwas nachgelassen. Die nächste Front kündigt sich für die Nacht an.

Im strömenden Regen nach Rauma

Sonntagswetter ist das nicht. Seit Mitternacht fällt das Wasser in Strömen vom Himmel. Alles ist dicht. Die Nähte bei der Kuchenbude hinterlassen tropfenweise Wasserspuren im Steuerhaus.

Gegen 10:00 Uhr legen wir ab um nach Rauma zu fahren. Wind und Welle sind moderat. Wenn nur der Regen nicht wäre. Wir kleiden uns mit der Seglerkluft und Gummistiefel ein. Das erste mal in diesem Jahr. Beim Ablegen verlassen wir den Lotsenhafen bei leichtem Nieseln. Im Gasthafen von Rauma fällt mehr Wasser vom Himmel. Endlich liegen wir längs am Steg. Nass und feucht bis auf die Haut erwärmen wir uns mit einer Fischsuppe in der nahen Hafenbeiz.

Erst gegen Abend wird es trockener. Die nassen Klamotten versperren den Platz im Steuerhaus. Wir bleiben im Salon, während es auf die Kuchenbude prasselt. Als Belohnung für den heutigen Regentag leuchtet der Himmel beim Sonnenuntergang in extremen Farben.

Eine Bemerkung zu den finnischen WC Anlagen sei erlaubt. Diese sind vorbildlich ausgerüstet. Neben jedem WC befindet sich eine Brause mit Warmwasseranschluss als Popodusche. Gleich darüber eine Abreissrolle für das Trocknen des werten Hintern.

Stadtrundgang mit dem Scooter

Am frühen Montag Morgen begrüsst uns die Sonne. Segelzeug, Leinen und alles Nasse werden zum trocknen an die Reling gehängt. Gegen Mittag schnappen wir uns zwei Elektro Scooter und rollen damit in die Innenstadt. 

Da werden wir im Sushi Restaurant verwöhnt. Ein grosses Salatbuffet als Entrée. Für die Vorspeise sind unzählige Sushi bereit gelegt. Als Hauptgang folgen chinesische Gerichte in alle Variationen. Selbst das Dessertbuffet lässt kaum Wünsche offen. ‚All you can eat’ für 11.50 €! Bei den meisten Gerichten können wir uns nur Sattsehen. Die Auswahl ist einfach zu gross.

Die Altstadt ist besonders malerisch erhalten. Die farbigen Holzhäuser leuchten um die Wette. Der Rundgang entlang den geschäftigen Strassen hinterlässt auch Spuren im Geldbeutel. Mit Batterien, Jeans, Stricknadeln und Esswaren kehren wir mit schweren Rucksäcken zurück auf Odin. Natürlich wieder mit dem schnellen Stadtflitzer. Drei Kilometer hin und zurück sind so ein Kinderspiel. Und wieder verabschiedet sich die Sonne mit einem farbenfrohen Spektakel.

Entweder hat es zu viel oder zu wenig Wind. Am Dienstag morgen verlassen wir Rauma und ziehen weiter nach Süden. Wie angewurzelt steht ein Rehbock auf der Schärenplatte. Am grossen Industirehafen vorbei biegen wir in die Tonnenstrassen ein. Es bleibt nur die Fahrt mit Motor. Auf halbem Weg immerhin 2 BF. Sofort alle Tücher raus und lautlos durch die Schären gleiten. Allerdings ist der Spass nach einer Stunde vorbei. 

Weil es Windstill ist wird jede Bewegung im Wasser sichtbar. Tatsächlich guckt auf 30 m Entfernung ein Seehund neugierig aus dem Wasser und taucht wieder in die Fluten ein.

Vor Uusikaupunki passieren wir eine Kormoraninsel. Es stinkt nach Fisch. Alle Bäume sind abgestorben. Der Kot der schwarzen Vögel hat alles vergiftet.

 

Wir legen uns längs an den Steg der Salmeri Werft. Das Anlegen an der Boje im Stadthafen lassen wir. Die Entfernung der Bojen zur Quaimauer scheint uns zu kurz für Odin und ausserdem liegen wir ruhiger im etwas abgelegenen Werfthafen, ohne auf den Komfort der Sanitäranlagen zu verzichten.

Der heutige Sundowner übertrifft alles bisher gesehene. Die kleinen Wolken glühen am Himmel in einer Intensität die höchst selten vorkommt.

Wo bleiben die andern Segler

Die Saison ist definitiv zu Ende. Wir stellen am Dienstag in Uusikaupunki fest, dass alles geschlossen ist. Das Bonk Museum öffnet nur noch am Samstag. Die alte Kirche ist nur am Sonntag für den Gottesdienst geöffnet. Im Gasthafen im Zentrum der Stadt liegt ein Segelschiff. So endet unser Rundgang kurz nach dem Mittagessen im Werfthafen. Wir sind die einzigen Gäste. 

Der finnische schwarze Humor

Bonk Business Inc. ist ein multinationaler Industrieriese, der heute 13’000 Mitarbeiter in 52 Ländern beschäftigt. Bonk ist weltweit führend in der Herstellung von Maschinen, welche nichts können. Der grosse Vorteil liegt darin, dass nichts kaputt geht und man keine Gebrauchsanleitung benötigt.

Die zahlreichen Sardinen im bottnischen Meerbusen hat die erste Generation der Bonk’, ehemalige Fischer, auf folgende Idee gebracht. Aus den in grossen Mengen gefangenen Sardinen kann man übel riechendes Oel herstellen, welches für das schmieren der Maschinen als auch zum Einreiben geeignet ist. Durch verdampfen des Oels entstanden ätherische Gerüche, welche Rauschgift artige Auswirkungen hatten. In gut situierten Wohnungen wurden solche Verdampfer aufgestellt um die langen Winterabende zur verschönern. Die grösste Maschine wurde damals für Lenin als Schienenmodell (siehe Foto) gebaut. Er wollte damit ganze Dörfer bedampfen.

Herrlicher Wind zum Segeln

Kurz nach der Hafenausfahrt setzen wir die Segel und gleiten fünf Stunden durch die Schären nach Süden. Blauer Himmel und Sonnenschein begleiten uns. Platt vor dem Wind setzt sich Vreni auf das Vorderdeck und drückt die Genua mit dem langen Holzbootshaken nach Lee.

An der Nordküste der Insel Vikattma legen wir uns mit Hilfe von Kari an den Schwimmleiter seines Sommerhauses. Kari hat immer wieder via AIS den Standort von Odin ermittelt und uns unterwegs Ratschläge zu Häfen erteilt. Mit 50 m Kette graben wir unseren Anker ein. Nach einem kleinen Rundgang auf der Insel und einer Erfrischung legen wir wieder ab. Wir wollen den frischen Nordwind nutzen um Turku noch einige Meilen näher zu kommen.

Erst nach 18:30 Uhr laufen wir im Gasthafen von Parattulan ein und legen uns längs an den Quai. Ein richtiges Feriendorf mit vielen touristischen Attraktionen wie Strohdachhäuser, Modeladen, Restaurant, Sauna, usw. Endlich hatten wir wieder einmal einen schönen langen Segeltag ohne Motorengeräusch.

Kurz nach neun legen wir ab, und motoren mit moderatem Wind auf die Nase nach Westen. Die Tonnenstrasse zwischen den Schären dreht nach Süden, so können wir eine gute Stunde unter Vollzeug hoch am Wind segeln. Danach folgt wieder eine enge Durststrecke bis die Strasse nach Norden gegen Turku dreht. Lautlos gleiten wir in den Schären weiter unserem Tagesziel entgegen.

Es ist auffällig. Dutzendweise begegnen wir andern Segler. Besonders auffällig sind viele Zweimaster, welche unseren Weg kreuzen. An diesem Wochenende soll in vielen Häfen das Abschlusssegeln sein. Danach ist endgültig Schluss mit der Saison 2022

Turku hat uns wieder

Das erste Landungsmanöver zwischen den Dalben müssen wir abrupt abbrechen. Wir haben den Propeller unseres Bugstrahlruders schon wieder verloren und sind so dem Seitenwind ausgeliefert. Beinahe rammen wir deshalb das Nachbarschiff. Das zweite Manöver gelingt besser. 

Wir liegen danach ruhig im Stadtfluss von Turku. Schiffe fahren ein und aus. Ein kleiner Wellenschlag klatscht von Zeit zu Zeit an unser Heck.

Am Samstag sind wir noch etwas müde von der lauten Nacht. Unsere Nachbarn haben bis um 05:00 gefestet und lautstark diskutiert.

Die Wanderung zum Stadtzentrum ist erfolgreich. Wir finden die notwendigen Seekarten und Hafenführer für nächstes Jahr. Bei Intersport sogar eine Regenjacke in Ketchup rot und bei Clas Ohlsen einen Thermometer für den Backofen. 

In der alten Markthalle setzen wir uns beim Vietnamesen und versuchen unser können beim Essen mit Stäbchen. Danach sind wir reif für den Mittagsschlaf. Mit Büroarbeit und Waschen ist der Nachmittag schnell vorbei.

Am grossen Hafenmast wurde heute als einzige Gastlandflagge die Schweizerflagge gehisst. Sehr aufmerksam von der Hafenmeisterin.

Am Abend ist es 24º. Wir sitzen lange draussen und freuen uns über die vielen Lichter der vorbeifahrenden Schiffe.

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Kommentare: 4
  • #1

    Marlies Egli (Sonntag, 28 August 2022 20:21)

    Lieber Peter und liebes Vreni
    Danke für den Blog. Ihr habt ja wieder allerhand erlebt.
    Ganz schöne Fotos. Wir wünschen euch alles Gute beim Auswassern eurer Odin.
    Herzliche Grüsse Marlies und Jürg

  • #2

    Anders (Sonntag, 28 August 2022 21:54)

    Hoi zäme,
    vielen Dank für die schöne Fotos und "Story's". Da ist immer was los bei Euch! Herzlich willkommen zu uns irgendwann zu "Herbstdinner"! Wir möchten mehr erfahren...
    Liebe Grüsse Anders & Family

  • #3

    Sepp (Montag, 29 August 2022 11:52)

    Lieber Peter liebe Vreni
    Ich danke euch für die informativen Blog Einträge, die ich vergnüglich am Trockenen lesen kann. Natürlich beneide ich euch für die beeindruckenden Segelerlebnisse und bedanke mich auch für die schönen Fotos. Eine erlebnisreiche Segel Saison nähert sich dem Ende. Wir alle freuen uns euch bald wieder bei uns in Mönchaltorf anzutreffen um ausführliche Segler Geschichten aus erster Hand erfahren zu können.
    Liebe Grüsse Sepp und Pin

  • #4

    Susanne und Florian (Montag, 29 August 2022 12:58)

    Liebe Vreni, lieber Peter,
    sehr schöne Berichte und tolle Bilder - vor allem der prächtige Sonnenuntergang ist sensationell! Wir haben euren Blog sehr gerne gelesen und hoffen, dass wir mit unserem Vreneli auch einmal so weit in den Norden vordringen werden.
    Wir sind seit gestern wieder Zuhause und haben einen dreiwöchigen Törn von der Kieler-Bucht ins Kattegat und zurück hinter uns. Das Wetter hat es sehr gut mit uns gemeint und wir hatten tolle Segel-, Sonnen- und Badetage :)
    Jetzt wünschen wir euch schöne restliche Tage, alles Gute beim Auswassern eurer Odin und wer weiß, vielleicht klappt es ja diesen Herbst oder im Frühjahr mit einem Wiedersehen - das wäre klasse!
    Liebe Grüße aus Tübingen
    Susanne und Florian