Dienstag 23. Juni bis Mittwoch 8. Juli 2026
Hannover - Minden - Bramsche - Münster - Lüdingshausen - Dorsten - Xanten - Doesburg - Zutphen - Zwolle - Meppel - Steenwijk
Ein Arzttermin für Vreni
Ein weiterer Tag mit mehr als 30 °C erwartet uns am Dienstag. Wir haben keine Lust, die Stadt zu besichtigen. Stattdessen machen wir uns mit den Elektrorollern auf den Weg zu einem Arzt. Vrenis
Erkältung will einfach nicht besser werden. Bei Dr. med. Dirk Glatzel erhält sie nach kurzer Wartezeit ein Rezept für Antibiotika. Die Konsultation kostet 41.56 €. Der Arzt zeigt grosses
Interesse an unserer Reise und möchte alles darüber wissen. Damit der Skipper nachts besser schlafen kann, verschreibt er zusätzlich ein Medikament gegen den Hustenreiz.
In der nahe gelegenen Apotheke erhalten wir alle verschriebenen Medikamente. Gleich daneben füllen wir unsere beiden Rucksäcke mit Bier und Esswaren und rasen zurück zur Odin.
Silmar ist eingelaufen
Am Nachmittag legen Silvia und Marcel mit ihrer Silmar am Steg an. Sie haben uns seit Havelbaude eingeholt.
Auf dem grossen Schiff Heimat ist eine Beiz eingerichtet. Dort treffen wir uns zum gemeinsamen Abendessen. Die Beiz ist rappelvoll. Auf dem Deck der Silmar geniessen wir ein leichtes Lüftchen.
Von den beiden erfahrenen Holland-Kennern erhalten wir einige wertvolle Tipps für die Weiterfahrt. Lautstark johlend zieht eine Besuchergruppe in die Nacht hinaus.
DB mit Verspätung – logisch, oder?
Am Mittwochmorgen um 07.00 Uhr werden wir vom Telefon geweckt. Bruno steht vor dem geschlossenen Eingangstor. Nachdem die Deutsche Bahn gestern einen landesweiten Systemausfall hatte, haben wir
unser neues Crewmitglied nicht so früh erwartet. In den News der DB war am späten Abend noch von fünf bis sechs Stunden Verspätung die Rede.
Beim gemeinsamen Brunch mit Spiegeleiern und Speck, Käse, Gipfeli, frischen Brötchen sowie Kafi beziehungsweise Tee sitzen wir im Steuerhaus. Rundum sind alle Öffnungen mit Tüchern als
Schattenspender verhängt. Bei Temperaturen von 32 °C möchte man sich möglichst wenig bewegen.Mit den Voi-Rollern schaffen wir es noch zum Rewe für die notwendigen Einkäufe. Danach sitzen wir im
Hafen unter einer Trauerweide bei Bier, Schinken, Käse, Gurken und Tomaten. Ein schwaches Lüftchen weht.
Im Rooftop
Gegen Abend spazieren wir dem Kanal entlang zum Restaurant HAVN. Im 10. Stock des Hotels lassen wir uns auf der Schattenseite nieder. Was dann folgt, ist ein absoluter Höhepunkt. Bei einer wunderbaren Aussicht werden uns zwei grosse Sushi-Platten serviert. Auf dem Rückweg zum Hafen kehren wir nochmals im Hafenrestaurant ein und geniessen zum Abschluss ein Walnusseis.
Ein wenig Fahrtwind
Nach dem Frühstück am Donnerstag brechen wir Richtung Minden auf. Rund 40 Seemeilen liegen vor uns. Der Fahrtwind sorgt wenigstens für etwas Abkühlung. Ein mit 4,5 Knoten dahin schleichender, 80
Meter langer Kahn wird mit voller Motorkraft überholt. 2'700 Umdrehungen und 7,2 Knoten durchs Wasser reichen wegen seiner Bugwelle kaum aus. Unsere Geschwindigkeit fällt zeitweise auf 5,5 Knoten
zurück.
Grüne Ufer begleiten uns während der ganzen Fahrt. Sieben Stunden später erreichen wir Minden. Wir überqueren die Weser auf der 500 Meter langen Kanalbrücke und legen uns bei der Kreuzung zur
Schleuse an die Spundwand.
Lauwarmes Bier bei 36 °C
Marcel und Silvia stellen ihre Stühle in den Schatten. So können wir gemeinsam ein lauwarmes Bier geniessen.
Am Abend stellt sich Vreni trotz der brütenden Hitze in die Küche und zaubert ein feines Risotto mit Schweinsfilet-Medaillons auf den Tisch. Der Gasherd heizt den Innenraum zusätzlich auf. Erst
nach 22 Uhr sinken die Temperaturen langsam auf 29 °C.
Wie tote Fliegen …
Heute Freitag heisst es Abschied nehmen von der Silmar. Bereits um sieben Uhr laufen Silvia und Marcel aus. Vor der Schleuse müssen sie jedoch eine Stunde warten, bevor sie ihre Fahrt auf der
Weser fortsetzen können.
Eineinhalb Stunden später machen auch wir uns auf den Weg entlang des Mittellandkanals. Das Thermometer zeigt bereits 37 °C – und weit und breit ist kein Lüftchen zu spüren.
Nach rund 70 Kilometern Kanalfahrt ohne die geringste Abkühlung legen wir bei Bramsche im Schatten hoher Bäume an. Alles, was wir trinken, scheint sofort wieder zu verdunsten. Selbst ein Bad im
Kanal bringt nur für kurze Zeit Erfrischung. Gegen Abend wechseln wir auf die andere Seite des Kanals. Die Sonne ist inzwischen weitergezogen und brennt erbarmungslos auf das Südufer. Am Nordufer
dagegen weht wenigstens ein Hauch von Wind, und die Bäume spenden willkommenen Schatten.
In Skandinavien herrschen angenehme 20 °C. Wir müssen dringend wieder Richtung Norden segeln.
Auf Grund gelaufen
Gestern Abend war es im Schatten herrlich. Heute Morgen am Samstag brennt die Sonne bereits unerbittlich vom Himmel. Selbst das Baden im 28 °C warmen Wasser bringt kaum noch Abkühlung.
Nach rund 20 Meilen erreichen wir den Dortmund-Ems-Kanal. Ohne Hindernisse oder Schleusen kommen wir zügig voran. Kurz nach 14 Uhr laufen wir in die Marina Fürstenau ein. Der Hafenmeister hatte
uns bereits am Vortag per E-Mail mitgeteilt, wir könnten einfach einen freien, grün markierten Platz belegen.
Ein Liegeplatz wäre zwar breit genug, ist aber nur sieben Meter lang. Die Odin würde damit die schmale Durchfahrt blockieren. Also drehen wir um und fahren zurück zur Hafeneinfahrt, wo wir
längsseits am Steg festmachen wollen.Beim Eindampfen in die Spring bewegt sich die Odin jedoch keinen Zentimeter mehr Richtung Steg. Stattdessen sitzen wir mit dem Kiel auf der steinigen Böschung
fest. Rund zwanzig Meter weiter klappt das Anlegen schliesslich problemlos. Das Echolot zeigt trotzdem beunruhigende 0,00 Meter an.
Blitztour durch Münster
Mit der kleinen Fähre setzen wir über den Hafenkanal. Die Überfahrt erinnert an die Strecke Dover–Calais – allerdings muss hier von Hand gekurbelt werden. Das treibt den Schweiss noch mehr
hervor. Mit dem Taxi fahren wir die 13 Kilometer bis ins Zentrum von Münster. Die Klimaanlage ist eine Wohltat. Umso härter trifft uns beim Aussteigen die 38 °C heisse Luft.
Im MUKK, dem Kinderparadies von Thalia, holen wir die bestellte Holland-Seekarte sowie zwei Kanalführer ab. Gleich um die Ecke gönnen wir uns in einer Gelateria eine wohlverdiente
Abkühlung.
Auf dem Marktplatz steigen wir spontan in eine elektrische «Pferdekutsche». Der Kutscher – ganz ohne Pferde – chauffiert uns mit Sonnenschirm gemütlich durch die Altstadt bis zum Schloss.
Möglichst wenig bewegen lautet heute die Devise.
An einem der seltenen Schattenplätze geniessen wir schliesslich ein alkoholfreies Weizenbier.
Beim grossen Kiepenkerl
Kiepenkerle waren wandernde Händler im niederdeutschen Sprachgebiet zwischen Sauerland und Hamburg. Sie brachten Eier, Milchprodukte und Geflügel in die Städte und versorgten im Gegenzug die
ländlichen Gebiete mit Salz, anderen Waren und Neuigkeiten.
Unter den Arkaden spazieren wir zum Gasthof Grosser Kiepenkerl. Vor dem angekündigten Gewitter flüchten wir ins Innere des Restaurants. Dort ist es immerhin zwei bis drei Grad kühler. Mit
deftigen norddeutschen Spezialitäten lassen wir uns verwöhnen.
Das angekündigte Gewitter bleibt allerdings aus. Nach der angenehm gekühlten Taxifahrt zurück zur Marina erschlägt uns die Innentemperatur von 40 °C in der Odin. Also bleibt nur noch eines: ab
ins Wasser, alle Fenster öffnen und bis Mitternacht auf etwas kühlere Luft warten. Immerhin sinkt die Temperatur bis dahin auf 30 °C.
Schleusen ohne Warten
Am Sonntagmorgen herrscht reger Verkehr auf dem Dortmund-Ems-Kanal. Mit angepassten 5,4 Knoten folgen wir zwei 90 Meter langen Lastkähnen. An der Schleuse Münster leuchten die Signale bereits grün. Nach kurzer Funkanfrage dürfen wir direkt in die Schleusenkammer einlaufen. Der Hub beträgt 6,2 Meter. Von den drei Schleusenkammern ist allerdings nur eine in Betrieb.
Bademeilen
Die Weiterfahrt gleicht einem Spiessrutenlauf. Entlang beider Ufer tummeln sich unzählige Badegäste. Stand-up-Paddler und Gummiboote kreuzen den Kanal, Schwimmer tauchen plötzlich vor unserem Bug
auf, und vereinzelt springen Jugendliche sogar von Brücken ins Wasser.
Bei 35 °C suchen die Menschen jede Möglichkeit zur Abkühlung. Die Böschungen des Kanals sind dicht besetzt von Sonnenhungrigen, die der Hitze der Stadt entkommen wollen.
Peters Gasthof
Nach 25 Meilen finden wir im alten Kanal einen Liegeplatz. Mit etwas Glück ergattern wir den letzten freien Gastplatz direkt vor Peters Gasthof in Lüdinghausen. Es gibt lediglich zwei
Gästeplätze.
Unter den schattenspendenden Bäumen schmeckt das Bier gleich doppelt so gut. Kurzerhand beschliessen wir, die Küche der Odin geschlossen zu lassen, und geniessen stattdessen das Abendessen im
Gasthof. Bis spät am Abend sitzen wir direkt neben unserem Boot. Die Sonne verabschiedet sich feuerrot, während der Mond zwischen den Wolken hervorschaut. Ob der angekündigte Regen wohl noch
kommt?
Rundherum Regen
In der Nacht auf Montag regnet es rund um unseren Liegeplatz in allen Himmelsrichtungen kräftig. Nur bei uns fallen lediglich ein paar Tropfen – gerade genug, um die Natur etwas zu befeuchten. Durch den schmalen, nur 1,5 Meter tiefen Kanal machen wir uns auf den Weg nach Süden. Die Oberfläche des stehenden Wassers ist stellenweise von einer dicken Schicht Blaualgen bedeckt.
Vier auf einen Schlag
Vom Dortmund-Ems-Kanal biegen wir in den Wesel-Datteln-Kanal ein. Bis zum Nachmittag liegen vier Schleusen vor uns. Für die 25 Meilen rechnen wir mit rund fünf Stunden Fahrzeit und zusätzlich
etwa vier Stunden Wartezeit an den Schleusen.
Doch es kommt ganz anders.
An der Schleuse Datteln warten wir lediglich zehn Minuten und werden 7,5 Meter abgesenkt. In Ahsen fahren wir ohne Wartezeit direkt in die Schleuse ein und werden erneut 7,5 Meter abgesenkt. Auch
Flaesheim können wir ohne Aufenthalt passieren; dort beträgt der Hub vier Meter. In Dorsten schleusen wir gemeinsam mit einem Lastkahn und werden nochmals neun Meter abgesenkt. Unser Zeitplan ist
damit völlig über den Haufen geworfen – im positiven Sinn. Für alle vier Schleusen benötigen wir insgesamt nur eine Stunde statt der erwarteten vier.
Die Brücke von Dorsten
Vorbei an grünen Wiesen, Bauernhöfen und Industrieanlagen gleiten wir unserem Tagesziel entgegen. Kurz nach 15 Uhr legen wir in Dorsten an einem Rastplatz mit Stromanschluss im Schatten der
Brücke an.
Direkt neben unserem Liegeplatz befindet sich das Einkaufszentrum Mercaden. Dort bunkern wir Lebensmittel für die kommende Woche. Zweimal tragen wir voll beladen unsere Einkäufe zur Odin. Mit
angenehmen 27 °C fühlt sich der Tag fast schon kühl an. Regen ist weiterhin keiner in Sicht. Trotz gelegentlich vorbeirasender Krankenwagen und Polizeifahrzeuge mit Martinshorn geniessen wir eine
ruhige Nacht.
Die letzten Schleusen
Im Wesel-Datteln-Kanal erwarten uns am Dienstagmorgen noch zwei Schleusen. Die Schleuse Hünxe senkt uns um sechs Meter ab. Wir können ohne Wartezeit direkt einfahren. Zwei Stunden später erreichen wir nach der Passage mehrerer Baustellen die Schleuse Friedrichsfeld. Wegen Unterhaltsarbeiten ist der Betrieb von 8.00 bis 14.00 Uhr eingestellt. Ein kleiner Rückstau führt dazu, dass wir erst nach anderthalb Stunden die letzten zehn Meter bis auf das Niveau des Rheins abgesenkt werden. Gemeinsam mit zwei Lastkähnen nehmen wir Kurs auf den Rhein.
Talfahrt auf dem Rhein
Unsere sechs Knoten Fahrt durchs Wasser werden von der Strömung auf 8,5 Knoten erhöht. Unzählige Lastkähne sind berg- und talwärts unterwegs. Manche schieben zwei Containerschiffe nebeneinander
her. Sie überholen uns mit rund zehn Knoten oder erzeugen mit ihren sechs Knoten gegen die Strömung Wellen, die durchaus mit denen auf der Ostsee vergleichbar sind. Der Rhein führt wenig Wasser,
weshalb wir uns exakt an die Fahrrinne halten müssen.
Nach 20 Kilometern rasanter Fahrt biegen wir in den Baggersee von Xanten ab. Bei der Einfahrt zeigt das Echolot unter dem Kiel kurzzeitig nur noch 0.00 Meter Reserve an. Im kleinen Vereinshafen
werden wir herzlich empfangen. Im Schatten am Clubtisch geniessen wir wieder einmal Vrenis Kochkünste: Pfeffersteak mit Reis und Salat sowie ein feines Erdbeertörtchen als Dessert.
Talfahrt auf dem Niederrhein
Der Wasserstand des Rheins hat sich über Nacht nicht verändert. Trotzdem gelingt uns die Ausfahrt aus dem Hafen am Mittwochmorgen ohne Grundberührung. Zwei bis drei Knoten Strömung schieben uns
weiter flussabwärts.
Schon bald erreichen wir den Pannerdensch Kanaal, den Beginn des Niederrheins. Hier beträgt die Strömung nur noch ein bis zwei Knoten. Beim Kreuzen mit den Lastkähnen wird es stellenweise eng.
Besondere Vorsicht ist bei den Fähren geboten. Damit sie in der Strömung nicht abtreiben, sind sie mit langen Ketten und Schwimmkörpern am Flussgrund verankert. Die Schwimmkörper wechseln jeweils
gemeinsam mit der Fähre die Flussseite. Deshalb muss man beim Passieren stets die richtige Seite wählen.
Doesburg bei Niedrigwasser
Vor Arnhem biegen wir in die IJssel ein. Die Strömung beträgt hier ebenfalls nur noch ein bis zwei Knoten. In einem weiten Bogen umfahren wir den Gieseplas, einen grossen See mit zahlreichen
Häfen und Segelbooten. Kurz darauf erreichen wir Doesburg.Auch hier ist die Hafeneinfahrt ausgesprochen flach. Mit einer Kielreserve von praktisch null Metern legen wir an einem Dalben fest. Die
Fahrt mit starkem Verkehr und kräftiger Strömung war anstrengend – ein Mittagsschlaf ist deshalb genau das Richtige.
Am Abend unternehmen wir einen Spaziergang durch die malerische Altstadt. Alte und moderne Häuser stehen harmonisch nebeneinander und verleihen den engen Gassen einen besonderen Charme. Weit
kommen wir allerdings nicht. Im ältesten Haus der Stadt, dem „De Waag“, lassen wir uns mit einem ausgezeichneten Abendessen verwöhnen. Sogar frische Muscheln stehen auf der Speisekarte.
Sanfte Regentropfen
Nach einigen kleinen Einkäufen bleiben wir zunächst an Bord. Für den frühen Donnerstag Nachmittag ist Regen angekündigt. Tatsächlich tropft es an einigen neuen Stellen. Im WC und im Küchenschrank
sind einzelne Fugen undicht. Nach einem kurzen, sanften Regenschauer zeigt sich jedoch schon bald wieder die Sonne.
Am Nachmittag erkunden wir auch den zweiten Teil der Stadt. Besonders beeindruckt uns die Martini-Kirche. Das grosse, schlicht gehaltene Gotteshaus wird auf vielfältige Weise genutzt. Wir werden
herzlich begrüsst. Im Seitenschiff wurde ein kleines Restaurant in einen modernen Glasbau integriert. In der Sakristei hat sich für einige Tage ein Maler eingerichtet. Er stellt seine Werke aus
und arbeitet gleichzeitig an neuen Bildern. Seine naiven Gemälde sind mit erstaunlicher Präzision ausgeführt.
Platinhochzeit – 55. Hochzeitstag – dreimal Fisch
Unseren besonderen Feiertag haben wir natürlich nicht vergessen. Bereits zum Frühstück geniessen wir Räucherlachs mit einer Eieromelette. Mittags gibt es geräuchertes Forellenfilet mit scharfen Crevetten. Am Abend zieht es uns erneut in die Brauhalle. Nach einer feinen Senfsuppe mit Lachs wählen wir Kabeljau beziehungsweise Flunder als Hauptgang. Dazu gönnen wir uns eine ausgezeichnete Flasche portugiesischen Rotwein.
Der Pegel steigt
Am Freitag hat sich der Wasserstand leicht erholt. Der IJssel liegt rund zehn Zentimeter höher als an den Vortagen. Ohne Schwierigkeiten verlassen wir den Hafen und fahren wieder auf den Fluss
hinaus. Die Strömung beträgt etwa zwei Knoten.
Mehrere Lastkähne kreuzen unseren Weg. Die Fähren warten scheinbar geduldig am Ufer, um dann genau vor unserem Bug auf die andere Flussseite zu wechseln. Aufmerksamkeit ist deshalb jederzeit
gefragt.
Der Museumshafen
Nur ein Hafen weist laut Binnenkarten genügend Wassertiefe auf. Versehentlich laufen wir jedoch zunächst in den Museumshafen ein. Dutzende historische Plattbodensegler liegen dort an langen
Stegen – für Odin ist kein Platz frei.
Also drehen wir auf engstem Raum und setzen die Fahrt auf der IJssel fort. Beim Motorbootverein Mars finden wir schliesslich einen Liegeplatz. Zehn Meter hohe Dalben sichern die Schwimmstege bei
Hochwasser. Beim derzeitigen Niedrigwasser führen die Stege jedoch steil wie Rampen hinauf ans Ufer.
Im Zickzack über die IJssel
Heute Samstag liegt eine längere Flussstrecke von rund 40 Kilometern vor uns. Das Befahren von Kanälen ist vergleichsweise einfach: Die Fahrrinne ist gleichmässig tief und gut markiert. Auf einem
Fluss wie der IJssel ist das ganz anders. Unsere Fahrt gleicht stellenweise einem Slalom.
In den zahlreichen Kurven haben sich Sand- und Schlickablagerungen gebildet, die die Wassertiefe um zwei bis drei Meter verringern können. Deshalb wechseln wir immer wieder von einer Flussseite
zur anderen, um im tiefsten Wasser zu bleiben. Zwei Knoten Strömung und fünf bis sechs Beaufort Gegenwind bauen eine beachtliche Welle auf. Weisse Schaumkronen glitzern in der Sonne.
Die Buhnen lauern
Von beiden Ufern ragen paarweise angeordnete Buhnen aus grossen Steinen weit in den Fluss. Sie dienen dem Uferschutz und sorgen gleichzeitig dafür, dass sich die Fahrrinne selbst vertieft. Durch die Verengung fliesst das Wasser in der Flussmitte schneller. Die stärkere Strömung trägt Sedimente ab und hält die Fahrrinne auf natürliche Weise offen.
Im Schanzengraben von Zwolle
Nach rund vier Stunden erreichen wir kurz vor Zwolle die Schleuse zum Zwarte Water. Sie senkt uns gerade einmal zwanzig Zentimeter ab. Danach sind Strömung und ausgewaschene Ufer
Vergangenheit.
Zwei Hub- beziehungsweise Klappbrücken öffnen uns den Weg in die Stadt. Direkt im historischen Festungsgraben machen wir an modernen Fingerdocks fest. Die Liegeplätze sind allerdings etwas kurz.
Mit etwas Geschick sichern wir Odin zunächst mit einer Spring an einem Dalben. Da dieser Platz jedoch reserviert ist, heisst es nochmals Leinen los. Zwei Plätze weiter gelingt das Anlegen trotz
Seitenwind problemlos.
Die Stadt im alten Festungsgraben
Zwolle, unweit des IJsselmeers gelegen, ist die Hauptstadt der niederländischen Provinz Overijssel. Hier entsteht das nur 19 Kilometer lange Zwarte Water, das später das Wasser der Vechte ins
Zwarte Meer führt.
Die Stadt erhielt bereits 1230 die Stadtrechte und schloss sich 1346 der Hanse an. Im 15. Jahrhundert erlebte Zwolle seine wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit und entwickelte sich – ähnlich
wie Deventer – zu einem bedeutenden Zentrum der Buchdruckerkunst.
Nach 1550 setzte ein wirtschaftlicher Niedergang ein, dennoch blieb Zwolle ein wichtiger Handelsplatz mit einem der grössten Viehmärkte der Niederlande und mehreren Buchdruckereien. Im Jahr 1580
wurden die Katholiken aus der Stadt vertrieben. Während des sogenannten Rampjaar 1672 ergab sich Zwolle dem Bischof von Münster. Die Festungsanlagen wurden zunächst geschleift, später jedoch
wieder aufgebaut. Im Jahr 1813 vertrieben alliierte Truppen die französischen Besatzer. Mit dem Anschluss an das Eisenbahnnetz um 1890 begann schliesslich ein neuer wirtschaftlicher Aufschwung.
Am Abend spazieren wir in die lebhafte Altstadt. Beim Italiener geniessen wir feine Spaghetti mit Meeresfrüchten. In den Gassen herrscht reger Betrieb. Die zahlreichen Strassencafés und Restaurants sind gut besucht, überall wird gelacht, gegessen und Bier getrunken. Gruppen fröhlicher Niederländer ziehen durch die Altstadt und geniessen den Sommerabend.
Feuchte und angenehme Luft
Leichter Nieselregen begrüsst uns am Sonntagmorgen. Trockenen Fusses gehen wir zu den Sanitäranlagen unter dem Havenkantoor mitten in der Stadt. Auch beim Auffüllen unserer Vorräte im nahe gelegenen Einkaufszentrum bleiben wir vom Regen weitgehend verschont. Mit dem Sackrolli transportieren wir die Einkäufe zurück zu Odin. Immer wieder fallen feine Regentropfen auf das Bootsdeck. Dazwischen zeigt sich die Sonne und lässt die frisch geputzte Odin glänzen.
Stadtwanderung
Die malerische Altstadt liegt dicht gedrängt innerhalb des Festungsgrabens. Der sternförmige Verlauf der ehemaligen Stadtmauer mit ihren Bastionen ist noch heute gut zu erkennen. Unser
Spaziergang führt dem Wasser entlang, vorbei am Kunsthaus mit dem markanten Ei auf dem Dach bis zum einzigen erhaltenen Stadttor.
Ein grauer Himmel begleitet uns, und immer wieder fällt feiner Nieselregen. Auf dem Platz vor der Bethlehemskerk sorgt eine irische Band mit schwungvoller Musik für gute Stimmung. Wir lassen uns
in einem Strassencafé nieder und geniessen einen gemütlichen Apéro.
Anschliessend schlendern wir durch die Fussgängerzone und die belebte Einkaufsstrasse – selbst am Sonntag haben die Geschäfte geöffnet. So gelangen wir zur Stadsgracht, wo weitere Türme und
Mauerreste der alten Festungsanlage erhalten geblieben sind. Zahlreiche historische Plattbodenschiffe liegen entlang der Ufer, und mehrere Zugbrücken verbinden die verschiedenen Stadtteile.
Auf dem Rückweg kehren wir bei einem indischen Restaurant ein und lassen den Tag mit einem würzigen Curry ausklingen.
Auf dem Zwarte Water
Kurz nach neun Uhr legen wir am Montagmorgen ab und fahren zur ersten Brücke. Nach einem kurzen Telefonanruf werden beide Brücken bereits nach fünf Minuten für uns geöffnet. Gemächlich gleiten
wir auf dem Zwarte Water nordwärts. Endlich wieder ein Kanal mit gleichmässiger Wassertiefe – eine angenehme Abwechslung nach den anspruchsvollen Flussfahrten der vergangenen Tage. Weite Wiesen
und Felder ziehen an uns vorbei. Bald wechseln wir auf das Meppelerdiep und erreichen die Stadt Meppel.
Vor der Brücke wird es noch einmal spannend: Ein kleiner Schlepper schiebt eine gewaltige Ballastschute vor sich her und beansprucht beinahe die gesamte Durchfahrt. Mit etwas Geduld und
gegenseitiger Rücksichtnahme passieren wir die Engstelle jedoch problemlos.
Der Verkehrsknotenpunkt
Meppel ist ein bedeutender Verkehrsknotenpunkt im Norden der Niederlande. Von hier führen Wasserstrassen in Richtung Arnhem, Groningen und Leeuwarden. Das Meppelerdiep ist für Schiffe bis zu
2'000 Tonnen ausgelegt.
Seinen Aufschwung verdankt Meppel dem Torfabbau. Ab dem 17. Jahrhundert entwickelte sich die Stadt dank des Torfhandels und der Schifffahrt zu einem wichtigen Umschlagplatz. Bis heute hat sie
ihre Bedeutung als lebendige Markt- und Handelsstadt bewahrt.
In der Fussgängerzone
Wir machen längsseits an der Grachtenmauer fest und brechen zu einem Spaziergang ins Stadtzentrum auf. Vorbei an der Schleuse und einer malerischen Windmühle überqueren wir mehrere kleine
Zugbrücken. Schon bald empfängt uns eine lebhafte Fussgängerzone.
Das Glockenspiel der Kirche erklingt im Viertelstundentakt und verleiht der Stadt eine besondere Atmosphäre. Bei einem gemütlichen Apéro gönnen wir uns eine Pause vom Stadtbummel. Inzwischen hat
sich die Sonne durchgesetzt, und bei angenehmen Temperaturen lässt es sich wunderbar draussen sitzen.
Am Abend zaubert Vreni wieder ein feines Nachtessen auf den Tisch: Bohnen, Peperoni, Kartoffeln und marinierte Plätzli. Den Abschluss bildet eine Auswahl köstlicher Käsesorten. Noch lange sitzen
wir auf dem Achterdeck und geniessen bei einem Schlummertrunk den lauen Sommerabend.
Schleusen und unzählige Brücken
Vor der Weiterfahrt füllen wir am Dienstagmorgen beim Hafenbüro zunächst unseren Wassertank. Die Strecke auf dem Meppelerdiep ist nur kurz. An der Blauw-Hand-Brug vor der Beukersluis machen wir
am Wartesteg fest. Bereits nach wenigen Minuten öffnet sich das Schleusentor, und als letztes Boot dürfen wir noch einfahren.
Die Schleuse ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Rund einen Meter werden wir abgesenkt. Beim Ausfahren springt bei einem grossen Motorboot der Motor nicht mehr an. Mit Leinen wird das Boot
schliesslich aus der Schleuse gezogen, sodass die Fahrt weitergehen kann.
Anschliessend folgen wir dem Beuker-Steenwijk-Kanal. Die Route führt an mehreren Seen vorbei, begleitet von kräftigem Seitenwind mit fünf bis sechs Beaufort. Brücke um Brücke arbeiten wir uns
weiter nach Norden vor. Die Wartezeiten bleiben erfreulich kurz. Unterwegs füllen wir auch den Dieseltank von Odin auf.
Vorbei an gepflegten Reetdachhäusern mit ihren kleinen Privatstegen erreichen wir unser Tagesziel bereits nach gut drei Stunden Fahrzeit. Für die Schleuse und fünf Brücken hatten wir vorsorglich
fünf Stunden eingeplant – umso mehr freuen wir uns über den zügigen Verlauf. Die Fahrt verläuft angenehm und gemütlich bei maximal 9 km/h. Mit 1'500 Umdrehungen schnurrt Odin ruhig durch das
Kanalwasser.
Steenwijkerdiep
Im Passantenhafen von Steenwijk, einem langen und schmalen Kanalhafen, legen wir längsseits am Steg an. Liegeplatz, Strom sowie die Benutzung von Waschmaschine und Trockner werden über eine
spezielle App gebucht und am Monatsende automatisch abgerechnet – eine praktische Lösung.
Am späten Nachmittag spazieren wir ins Stadtzentrum. Die Gemeinde zählt rund 17'000 Einwohner. Die Fussgängerzone ist ausgesprochen lebendig. Neben unzähligen Barbershops reiht sich ein
Bekleidungsgeschäft ans nächste. Auf dem Marktplatz vor dem Rathaus gönnen wir uns einen Apéro und beobachten das bunte Treiben. Ein frischer Wind sorgt für angenehme Temperaturen.
Zurück an Bord verwöhnt uns unsere Bordköchin mit feinen Spaghetti Gorgonzola und einem guten Glas Rotwein – ein gelungener Abschluss eines schönen Fahrtages.
Vrenis Geburtstag
Heute feiert Vreni Geburtstag. Im Minutentakt treffen Glückwünsche per SMS, E-Mail und Telefon ein. Nach einem ausgiebigen Brunch heisst es Abschied nehmen: Bruno tritt die Heimreise an. Mit dem
Zug fährt er nach Schiphol und fliegt von dort weiter nach Zürich.
An Bord steht ein Wäschetag auf dem Programm. Drei Waschmaschinen und ebenso viele Trockner werden nacheinander beladen. Die professionellen Geräte arbeiten erstaunlich schnell – bereits nach
einer halben Stunde ist die erste Ladung gewaschen und wenig später wieder trocken.
Besuch vom Schleusenschiffer Klub
Plötzlich erklingt vom Ufer ein fröhliches «Happy Birthday». Iris und Stefan vom SSK sind mit ihren Fahrrädern vorbeigekommen, um Vreni persönlich zum Geburtstag zu gratulieren. Bei einem gemütlichen Beisammensein mit einem Glas Muscat tauschen wir uns mit den beiden erfahrenen Schleusenfahrern über unsere bisherigen Erlebnisse und die bevorstehenden Etappen aus. Dabei erhalten wir viele nützliche Tipps und hören manche interessante Geschichten.
Ein Überraschungsdinner
Gegen Abend machen wir uns auf die Suche nach einem würdigen Restaurant für das Geburtstagsessen. Am Eingang der Altstadt entdecken wir das Bovenmeester Dinner & Lounge. Wir entscheiden uns
spontan für das Überraschungsmenü des Küchenchefs.
Den Auftakt bilden zwei raffinierte Amuse-Bouches: ein luftiger Gurkenschaum und kleine, liebevoll garnierte Törtchen, begleitet von frischem Brot, Butter, Salz und Olivenöl – ein gelungener
Einstieg. Ein kräftiger portugiesischer Rotwein sorgt für die passende Begleitung.
Es folgt eine Vorspeise mit rohem Fisch und feinem Gemüse, anschliessend wird eine perfekt zubereitete Coquille Saint-Jacques serviert. Als Hauptgang geniessen wir eine zarte Entenbrust mit
passenden Beilagen. Den krönenden Abschluss bildet eine erfrischende Kombination aus Erdbeeren und Eis.
Auch der Service lässt keine Wünsche offen. Rundum zufrieden machen wir uns nach 21 Uhr auf den Rückweg zur Odin. Selbst jetzt treffen für Vreni noch weitere Glückwünsche per Telefon und E-Mail
ein und runden ihren Geburtstag auf schöne Weise ab.


































































































































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